Georg Stenger, Universität Würzburg

Zwischen Rationalität und Erfahrung
Religion als paradigma­tisches Einfallstor west-östlicher Übergänge?

Dem weltweit zu konstatierenden Wiederaufleben der Religion(en) scheint eine eigentümliche Ambivalenz inne zu wohnen, was sich etwa auch in der Bezeichnung „postsäkularer Gesellschaft(en)“ widerspiegelt. Einerseits hoffte man im Zuge der Aufklärung die Religion als Vernunftreligion ausweisen zu können, womit man zugleich der Vielfalt der Religionen in ihren unterschiedlichen Erscheinungsbildern und Ansprüchen durch ein universal geltendes Toleranzgebot zu begegnen suchte, andererseits wurde man aus vernunftkritischen Gründen der religiösen Erfahrungsgehalte gewahr, sei es, dass diese einen Gottesbegriff und damit ein Glaubensverständnis, verbunden mit einer Grenzziehung zwischen Immanenz und Transzendenz, markieren, sei es, dass diese als vorprädikative und vortheoretische Quellen philosophischer Denkbemühungen angesetzt werden, die es explizit zu machen gilt. Verschärft werden diese Problemstellungen nun dadurch, dass sich diese Zuschreibungen offenkundig dem abendländisch-christlichen Verbindungsscharnier verdanken, welches in interkultureller Hinsicht, mithin in Bezug auf andere Religionen und „Gottesbilder“ seinen Alleingültigkeitsanspruch in Frage gestellt sieht.

Anhand von 3 Schritten möchte ich Wege eines „Zwischen Rationalität und Erfahrung“ vorschlagen, wobei mit dem „Zwischen“ auch die Bezugspole der Rationalität und der Erfahrung ihre Bedeutungs- und Sinngehalte ändern. 1) werde ich mit Kant, Schelling und Kierkegaard Wege abschreiten, die über die Denknotwendigkeit des Göttlichen als dem höchsten Gut hinaus zunehmend die individuelle und zugleich existenzielle Dimension der religiösen Erfahrung freilegen. Bleiben diese paradigmatisch gewählten Konzeptionen einer christlichen Grundstruktur verpflichtet, so möchte ich 2) – nach einer methodisch geleiteten, phänomenologischen Vergewisserung - mit Bezug auf Levinas’ jüdisch geprägtem Konzept der „Andersheit des Anderen“ darauf hinweisen, dass und warum mit seiner Kritik an Subjekt- und Bewusstseinsphilosophie resp. Ontologie zugleich eine „Ethik als erster Philosophie“ verbunden ist. 3) schließlich werde ich in Aufnahme daoistischer und (zen)buddhistischer Konzeptionen zu zeigen versuchen, dass und wie das philosophische Denken selbst schon religiös motivierten Grunderfahrungen eingeschrieben ist, was keineswegs nur für diese Kulturen zutrifft, was aber doch hinsichtlich ihrer Grundstrukturen anders gelagerte Denkweisen nach sich zieht.

Für ein auf Augenhöhe geführtes, wechselseitig fruchtbares Gespräch zwischen den Denkkulturen und Kulturwelten wird viel davon abhängen, inwieweit wir in der Lage sind, den jeweiligen und zugleich gegenseitig sich erhellenden Zwischenräumen von Rationalität und Erfahrung, und das hieße immer auch zwischen Philosophie und Religion gewahr zu werden.

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