Hans Waldenfels, Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn

Sprach- und Denkschwierigkeiten zwischen dem westlichen Christentum und dem chinesischen Denken

Die internationale und interkulturelle Begegnung gründet in wechselseitigem Verstehen und verwirklicht sich im Prozess der Übersetzung und Übermittlung von Gedanken und Handlungsweisen. Bei seinen Versuchen, Wege des Verstehens in China zu finden, wechselte der italienische Jesuit Matteo Ricci (1552-1610) von einer buddhistsch-daoistischen (monastischen) zu einer konfuzianischen (intellektuellen) Annäherung. Seine Suche nach geeigneten Begriffen, von Gott und anderen christlichen Lehren zu sprechen, beweist, wie notwendig und schwierig es ist, in einer fremden Sprache die geeigneten Anknüpfungspunkte zu finden.

Die Sprache ist die grundlegende Brücke jeder Kommunikation in der menschlichen Gesellschaft. Doch die konkrete Sprache kann sehr wohl auch eine Barriere sein. Sie kann es auf Seiten der Sprecher und auf Seiten der Sprache selbst sein. Menschen, die eine fremde Sprache nicht kennen, können sie nicht verstehen. Doch auch die konkrete Sprache kann eine Barriere sein aufgrund verschiedener Strukturen, des Mangels an geeigneten Ausdrücken und Begriffen und anderer Eigenschaften, die in einer bestimmten Sprache fehlen, mit anderen Worten: aufgrund der Grenzen, die jede Sprache kennzeichnen. Wo immer die Grenzen einer Sprache und ihre philosophischen und weltanschaulichen Implikationen übersehen werden, ist der Weg zu einem wahren wechselseitigen Verstehen blockiert.

In unserer Zeit scheint die Anthropologie eine besserer Weg zu sein, um das Problem zu illustrieren, als die Theologie. Westliche Politiker, die nach China reisen, werden oft aufgefordert, von der chinesischen Regierung mehr Respekt für die Menschenrechte zu fordern. Das endet meistens in zornigen Antworten. Der Hauptgrund für ein solches Ergebnis liegt aber definitiv in den Unterschieden zwischen westlichen und chinesischen Anthropologien. Das lässt sich illustrieren am unterschiedlichen Verständnis des Menschen und dem Personbegriff. Eine „Person“ ist im alltäglichen westlichen Leben der einzelne Mensch. Unter dem Einfluss der Trinitätstheologie besteht die christliche Theologie ihrerseits beim Begriff der Person auf seiner Individualität und Relationalität. Eine Person ist ein Einzelwesen, das zugleich in Beziehung steht a) zu anderen Menschen, b) zu vielen anderen Wesen in der Welt, c) schließlich zu Gott. Dieser Bezug auf andere und anderes wird im alltäglichen Gebrauch des westlichen Personbegriffs weitgehend vernachlässigt und außer Acht gelassen. Entsprechend steht „Person“ für das einzelne Ich oder Ego und führt am Ende oft zu einem radikalen Egoismus bzw. zur Egozentrik. Der Begriff „Egozentrik“ aber lässt sich nicht nur auf der Ebene menschlicher Individualität verwenden, sondern auch kulturell auf Völker, Kontinente u.a. übertragen (vgl. den Begriff „Eurozentrik“). Demgegenüber findet bei Chinesen sprachlich wie gesellschaftstheoretisch die Vielfalt menschlicher Beziehungen eine starke Betonung. Freilich lässt sich kaum leugnen, dass die Betonung des vielfältigen Beziehungsgefüges so stark werden kann, dass der Respekt für die menschliche Individualität am Ende verschwindet. Jedenfalls scheint die unterschiedliche Betonung der beiden Säulen des Personseins – Individualität und Relationalität – eine der grundlegenden Wurzeln des Missverständnisses zwischen den westlichen und östlichen Kulturen zu sein.

Das Fallbeispiel des Personbegriffs zeigt im Blick auf den interkulturellen Dialog, dass die verschiedenen unterschiedlichen Hintergrundsfolien der Sprachen und der Gedankenwelten der Dialogpartner viel gründlicher herausgearbeitet und bedacht werden müssen. Es kann nicht angehen, dass der kulturelle Hintergrund einer Seite zur Norm für alle anderen gemacht wird. Auch ist es gefährlich, wenn eine Sprache als die alleinige Grundlage für ein gemeinsames Verstehen genommen wird. Was für interkulturelle Begegnungen gilt, gilt auch für die Begegnung von Philosophie und Religionen.

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