Rainer Enskat, Martin Luther Universität Halle-Wittenberg

Religion trotz Aufklärung?
Retraktationen einer ungelösten Aufgabe der Philosophie

In diesem Beitrag wird gezeigt, dass und warum die Frage nach der Möglichkeit und sogar der Notwendigkeit der Religion trotz der Aufklärung positiv beantwortet werden kann. Es wird gezeigt, dass eine Vorstellung von aufgeklärter Religion ausgearbeitet werden kann, wenn wir den Argumentationslinien folgen, die hauptsächlich von zwei Philosophen entwickelt wurden. Die Erste – und 2000 Jahre lang wichtigste – war die Platosn, welche er in seinem frühen Dialog Euthyphro entwickelte. Der Kern seines Arguments ist kriteriologisch: Wollen wir herausfinden, ob es menschliches Verhalten gibt, das Gott (oder den Göttern) gefällt, so müssen wir zuerst – allein durch uns selbst und ohne Rückgriff auf theologische Quellen – ein Kriterium finden, welches es uns ermöglicht, jedes menschliche Verhalten als gut oder nicht gut zu bewerten. Entsprechend dieser Konzeption gefällt Gott (oder den Göttern) nur dasjenige menschliche Verhalten, welches – unserem bestmöglichen Kriterium entsprechend – gut ist. Platons frühe kriteriologische Konzeption der Religion wurde erst durch Kant in einigen Artikeln und Schriften in der Zeit nach der Veröffentlichung seiner berühmten Lehre der Postulate über die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele zufrieden stellend und systematisch herausgearbeitet. Es kann jedoch gezeigt werden, dass jene Lehre im Widerspruch steht zu seiner nicht-konsequenzialistischen und besonders nicht-utilitaristischen Ethik. In seiner späteren Religionsphilosophie entwickelt er – das moralische Kriterium zur Bewertung menschlichen Verhaltens (den kategorische Imperativ aus § 7 der Kritik der praktischen Vernunft) durch ein rechtliches und ein politisches, speziell ein republikanistisches, Kriterium vollendend – eine substanziell atheistische Vorstellung der Moral und des urteilenden Charakters menschlichen Verhaltens, wobei plausibel gezeigt wird, dass das menschliche Verhalten, das diese Kriterien erfüllt, insofern – doch nur insofern – göttlich ist. Für Kant ist die aufgeklärte Religion eine Einstellung des Menschen, die sich in jenen, und nur jenen, Verhaltensformen zeigt, die ihren göttlichen Charakter entsprechend diesen Kriterien im moralischen und rechtlichen Gut-Sein zeigen.

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