Markus Wirtz, Universität zu Köln

Putatives Glauben, kreditives Glauben und Wissen

Religionsphilosophische und theologische Abhandlungen der Neuzeit, die sich mit den Beziehungen zwischen „Glauben und Wissen“ befassen, sind Legion. Als paradigmatische philosophische Reflexionen zu diesem Thema lassen sich u.a. hervorheben: I. Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793) sowie der Abschnitt „Vom Meinen, Wissen und Glauben“ aus Kants Kritik der reinen Vernunft (1781), G.W.F. Hegels Aufsatz Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität, in der Vollständigkeit ihrer Formen, als die Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie (1802), der Vortrag Glaube und Wissen. Die beiden Quellen der „Religion“ an den Grenzen der bloßen Vernunft von J. Derrida (1996) sowie die Friedenspreisrede Glauben und Wissen von J. Habermas (2001). Auch in der neueren angelsächsischen Religionsphilosophie (etwa bei A. Platinga oder R. Swinburne) wird das Thema „Glauben und Wissen“, „Glaube und Vernunft“ intensiv diskutiert.

Oftmals ist die Relation von „Glauben und Wissen“ mit dem Verhältnis von „Religion und Philosophie“ in einen engen Zusammenhang gebracht, ja gleichgesetzt worden. Unser Beitrag wird demgegenüber die These vertreten, dass das Begriffspaar „Glauben und Wissen“ eine generelle Struktur menschlicher Überzeugungen bezeichnet, während die Relation von „Religion und Philosophie“ einen spezifischen, wenngleich besonders interessanten Fall dieser allgemeinen Beziehung von „Glauben und Wissen“ repräsentiert.

Die einfache Gegenüberstellung von „Glauben und Wissen“ scheint von zwei deutlich unterscheidbaren oder sogar gegensätzlichen kognitiven Einstellungen auszugehen und zur Klärung ihres wechselseitigen Verhältnisses aufzufordern. Abgesehen von einer grundsätzlichen Äquivokation der beiden Ausdrücke „Glauben“ und „Wissen“ ist es jedoch ratsam, innerhalb der Sphäre des „Glaubens“ zwei vollkommen unterschiedliche Einstellungen voneinander zu unterscheiden, deren eine sich auf theoretische Annahmen über bestimmte Sachverhalte bezieht („S glaubt, dass p“), während die andere vertrauensvolle Bindungen eines Subjekts an Personen, Gedankensysteme oder Gegenstände („S glaubt an p“) designiert. Die erste Form kann man als „putatives Glauben“ bezeichnen, die zweite Form als „kreditives Glauben“. Beiden Glaubensarten ist gemeinsam, dass sie nicht die intersubjektive Verbindlichkeit von Wissen beanspruchen können; während jedoch das putative Glauben letztlich auf Wissen abzielt und in vielen Fällen als ein Vorläuferstadium von Wissen betrachtet werden kann, ist eine Aufhebung von kreditivem Glauben in Wissen prinzipiell unmöglich.

In den Weltreligionen spielen kreditives und putatives Glauben sowie Wissen eine je unterschiedliche Rolle; Religionen lassen sich nach dem jeweiligen Mischungsverhältnis der drei Überzeugungsarten voneinander unterscheiden. So wird beispielsweise in den monotheistischen Religionen kreditivem Glauben eine wesentlich größere Bedeutung beigemessen als in manchen Formen des Buddhismus, die vielmehr eine spezifische Form des Wissens als Erlösungsweg nahe legen.

Wir werden nach einer begrifflichen Klärung der drei Überzeugungsformen „putatives Glauben“, „kreditives Glauben“ und „Wissen“ versuchen, diese Begriffe auf das Verhältnis von Philosophie und Religion zu übertragen, wobei wir auf einige Überlegungen I. Kants und J. Derridas zurückgreifen werden. Im Anschluss daran wollen wir fragen, ob und inwiefern sich die – zweifellos vorwiegend an monotheistischer Religiosität gewonnenen – Differenzbildungen zwischen „Glauben und Wissen“, „Religion und Philosophie“ auf den Buddhismus übertragen lassen.

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