Claudia Bickmann, Universität zu Köln

Philosophische Wege an den Grenzen des Wissens
Drei Entwicklungslinien in der abendländischen Philosophie: Platon, Hegel, Derrida

2. Der philosophische Weg an den Grenzen des Wissens

Wie nun, so lautet die Kernfrage, soll angrenzend an unser Wissen jenes Un-vordenkliche, das nicht mehr Rationalisierbare, als Grund und Quelle selbst noch des Wissens zu denken sein?

Was muss das Denken leisten, wenn es seine eigenen Quellen noch zu Bewusstsein bringen und auf diese Weise in erkenntniskritischer Perspektive zugleich den Vernunftbegriff relativieren und auf ein Prinzip zurückführen will?

Das Augenmerk der folgenden Ausführungen gilt der besonderen Entwicklungsdynamik dieser Problemstellung im Horizont westlicher Philosophien.

Dabei werde ich bezogen auf die Kernthematik, das Verhältnis von Religion und Philosophie, typologisch argumentieren: die drei ausgewählten Positionen gelten als repräsentativ für die Traditionslinie, die in ihnen wirkungsmächtig geworden ist. Grenzmodelle werden vorgestellt, die der Religion eine je unterschiedliche Stellung zuweisen.

Entweder gilt

1. im Horizont der platonisch-neuplatonischen Philosophie die Religion in der Anähnlichung an Gott als Ziel unseres philosophischen Weges (Modell I, die platonische Philosophie), oder es wird

2. in der Philosophie Hegels die Philosophie zum Leithorizont der Religion (Modell II), oder aber es wird

3. im Horizont neuerer französischer Philosophie (Modell III) eine Dekomposition der Ansprüche beider Sphären erstrebt. Der Weg in eine Überwindung der Trennung zwischen Glauben und Wissen, wie sie in Derridas und Levinas´ dekonstruktiver Annäherung erneut sich ankündigt, sucht das Wissen zu relativieren und den Weg in einen dogmenfreien Glauben frei zu legen. Diese skeptische Entwicklungslinie abendländischen Denkens, wie sie u.a. auch in Traditionen der Hermeneutik wie in Teilen der neueren analytischen Philosophie zur Sprache kommt, kann zugleich als geeignete Gesprächsgrundlage für solche Formen nicht-europäischen Philosophierens gelten, die wie der Taoismus, Buddhismus, aber auch Teile des Islam einer eher skeptischen Erkenntnistheorie folgen.

Unsere Annäherung konzentriert sich jedoch auf die Entfaltung der spannungsreichen Beziehung zwischen Philosophie und Religion im abendländischen Denken und widmet sich typologisch drei unterschiedlichen Gestalten der Auslegung des Verhältnisses von Religion und Philosophie.

Dabei stellen die drei ausgewählten Positionen bezogen auf die Schwierigkeit einer Rechtfertigung des System tragenden Prinzips nicht allein drei extreme Lösungsversuche dar, die ihre komplementären Gegenstücke auch in den nicht-europäischen Philosophien haben, sondern sie repräsentieren zugleich auch drei Hauptetappen der Entwicklung des Verhältnisses von Religion und Philosophie innerhalb der abendländischen Philosophie. Knapp skizziert lassen sich diese wie folgt beschreiben:

a) Entweder soll das System tragende Prinzip als Grund von allem nicht mehr an dem teilhaben können, was aus ihm begreiflich zu machen ist (dies der aporetische, der platonisch-neuplatonische Weg, der auch innerhalb der hinduistischen Advaita-Vedanta Philosophie zum Ausdruck kommt und der im ersten Teil der Untersuchung unser Gegenstand ist), oder es sollte

b) das höchste (göttliche) Prinzip als immanent und transzendent zugleich ausgelegt werden, wie dies innerhalb der Aristotelischen und Hegelschen Philosophie, aber auch in verschiedenen Positionen des Islam zu Tage tritt, dem wir uns im zweiten Teil zuwenden.

c) Oder aber die Fragestellung selbst soll wegen der Gefahr der Ausweglosigkeit der beiden erstgenanten Lösungen – des Regresses, der Zirkularität oder der Dogmatik – gänzlich aufgegeben werden. Dies ist der skeptische Weg, den wir mit Blick auf die Position von Jacques Derrida ins Auge fassen wollen.

Dass die drei genannten Lösungswege zugleich auch geschichtlich parallel oder einander überschneidend wirksam waren, ist dabei unbenommen. Sie gleichwohl in einer historischen Reihenfolge zu behandeln, ist durch das Übergewicht motiviert, das sie in der einen oder anderen Epoche entfaltet haben.

Unsere Annäherung im Horizont der abendländischen Transformationen des Spannungsfeldes zwischen Religion und Philosophie erfolgt nach der genannten Problemanlage in drei Schritten: Sie beginnt

1. mit der Idee der Philosophie als Religion (,Homoiosis theou‘) im Rahmen der Philosophie Platons.

2. In einem zweiten Schritt gehen wir über zur Religion im Horizont der Philosophie (Hegels Einheit von Kunst, Religion und Philosophie), und schließlich sollen

3. die Konsequenzen der aufgelösten Trennung von Religion und Philosophie am Beispiel von Jacques Derridas Konzept der ,différance‘ zur Sprache gebracht werden.

For footnotes see pdf.
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