Claudia Bickmann, Universität zu Köln

Philosophische Wege an den Grenzen des Wissens
Drei Entwicklungslinien in der abendländischen Philosophie: Platon, Hegel, Derrida

1. Einleitung: Ein europäischer Sonderweg?

Seit die Menschen sich über Ziele und Zwecke ihrer Existenz verständigen, gehört die Auseinandersetzung über die Grenzen des Wissens zu den Kernfragen der Philosophie. In nahezu allen Weltphilosophien wurde dabei die Frage nach dem Verhältnis von Rationalität und Spiritualität, Glaube und Wissen im Horizont philosophischer Selbstverständigung thematisch. Auf der Suche nach dem gelingenden Leben, dem Sinn unserer Existenz, der Anähnlichung an das höchste Prinzip, nach den Möglichkeiten und Grenzen von Vernunft und Rationalität, sollte der Fluchtpunkt gedanklicher Annäherung auf ein Vor- und Überbegriffliches bezogen sein, das nicht mehr notwendig im Medium des Begriffes zu erschließen war.

Nach einer Diagnose von Martin Heidegger hat die abendländische Philosophie diesen Pfad nun gründlich verlassen und einen Sonderweg gegenüber den großen Traditionen der nicht-europäischen Philosophie eingeschlagen. Dabei habe sie sich von ihren Quellen und Wurzeln ebenso befreit wie von der Idee des gelingenden Lebens als leitendem Fluchtpunkt philosophischer Annäherung. Mit Platons und Aristoteles Frage nach dem ,Was es ist, ein Etwas zu sein‘, so die These, sei das Ende des ,homologein‘, des sich-hineinversetzenden, des hin-horchenden Denkens eingeleitet, das noch für Heraklits ,Logos des Werdens‘ oder Parmenides’ vernehmendem Denken leitend war. In einer verobjektivierenden Perspektive dem sich die Seinsgestalten allein durch Distanznahme erschließen, sei der Faden zwischen unserem vernehmenden Denken und der Arbeit an den Bedingungen des Begriffs endgültig durchtrennt.

In verschiedenen Traditionslinien der europäischen Philosophie – in Positionen der Frühromantik, der Hermeneutik und Lebensphilosophie wie auch in abgewandelter Form der analytischen Philosophie und des Dekonstruktivismus – ist das Bemühen um eine Integration des Prä-reflexiven, Prä-prädikativen oder gar intuitiven Wissens in den Raum philosophischer Annäherung jedoch lebendig geblieben. Verwiesen wird auf das nur intuitiv fassbare Fundament allen Wissens. Bescheiden geworden, besteht die Gegenwartsphilosophie jedoch nicht mehr auf einem diskursiven Wege der Annäherung an einer Grenzbestimmung von Rationalität und Spiritualität. Der neuralgische Punkt zwischen Philosophie und Religion bleibt darum eine unbewältigte Herausforderung einer sich über ihre Grenzen vergewissernde Philosophie.

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