Hans Feger, Freie Universität Berlin

Philosophie und Religion
Deutsch-Chinesische Konferenz – 19. bis 22. Juli 2010

Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein asiatischer Länder in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik entsteht heute aber eine zunehmend skeptische Haltung zumeist jüngerer Wissenschaftler gegenüber den als fremdbestimmt erfahrenen Adaptionen westlicher Philosopheme sowie gegenüber der institutionalisierten (chinesischen) Geisteswissenschaft; einer Skepsis, die zu einer oftmals nur noch selektiven Wahrnehmung des europäischen Traditionsbestands führt, aber von dem Wunsch begleitet ist, angesichts einer immer stärker ausufernden Modernität in Asien eine öffentliche Philosophie zu finden, die die Gesellschaft zusammenhalten kann und den spezifischen Verhältnissen der eigenen Tradition gerecht wird. Die Wiederanknüpfung an die konfuzianischen, buddhistischen oder taoistischen Traditionen ist hier nur äußerliche Erscheinung dafür, sich neu zu bestimmen. Insgesamt ist sie wohl eher Ausdruck des Defizits, dass ein globaler Gedankenaustausch, der die wechselnden Asymmetrien im kulturellen, geisteswissenschaftlichen und religiösen Austausch berücksichtigt, noch nicht wirklich existiert.

Leitend für den Konferenz ist der Gedanke, dass eine über sich selbst aufgeklärte Philosophie nicht nur die Grenzfragen des Wissens, sondern auch Fragen nach den letzten Gründen unserer Existenz nicht von sich weisen kann, ja auch – und gerade – in der Spätmoderne der „rettenden Aneignung“ des kulturellen Erbes der Religion nachgehen muss. Orientierung zu geben, ist nicht Aufgabe allein der Philosophie, sondern auch der Religion, unabhängig von der Frage, wer von beiden Primat hat. An die Philosophie muss die Frage gerichtet werden, ob es einen philosophischen Glauben geben kann, der sich sowohl vom Wissen der Wissenschaften als auch vom Glauben der Offenbarungsreligionen abgrenzt und dadurch – wie im Buddhismus – einem offenen Philosophieverständnis Vorschub leistet, das philosophische und religiöse Traditionen anderer Kulturräume erschließt. Auch in der europäischen Tradition ist zu vermuten, dass Philosophie als solche ohne Bruch mit der Religion nicht zur Theologie finden konnte. Bis heute will sich die Religion nicht zu einem Objekt der Philosophie (Paul Tillich) machen lassen, so wie sie umgekehrt ihre Autonomie nicht an irgendeinen Anspruch von religiöser Wahrheit abtreten lassen möchte. Ob der Glaube aber das Ergebnis eines unaufgeklärten Denkens ist und die Philosophie der einzige Weg zu einer befreienden Erkenntnis, ist aus guten Gründen von den asiatischen Philosophien bestritten worden, die die philosophische Praxis dadurch stärker in das Zentrum rücken.

Als Zielsetzung der Tagung dürfte – neben der stets noch virulenten Auseinandersetzung mit dem Erbe des Marxismus – ein vertieftes Verständnis für die Tradition der westlichen, insbesondere deutschen Philosophie stehen, aber auch ein weitergehendes Verständnis für die Besonderheiten der chinesischen Philosophie, die sich gegenwärtig auf das traditionelle Denken zurückbesinnt.[*3] Der Erfolg der Konferenz dürfte mit Sicherheit für die weitere gemeinsame Forschung sowie für den weiteren akademischen Austausch von hoher Bedeutung sein und besonders der manchmal noch hybriden Wissensadaption entgegenwirken, die bis heute die Kreativität beim Entwickeln eigener Fragestellungen und die Pflege der Bildungstradition einschränkt.

Die geplante Konferenz ist die erste Veranstaltung dieser Größenordnung in Deutschland. Sie soll die geisteswissenschaftlichen Kontakte und Verbindungen mit China bündeln und die weitere Forschungszusammenarbeit koordinieren. Als eine der neuen Exzellenzuniversitäten, die u.a. mit dem Schwerpunkt Geisteswissenschaften und dem Zukunftskonzept „International Network University“ ausgezeichnet worden ist, steht die Freie Universität Berlin hier in einer besonderen Verantwortung.

For footnotes see pdf.
previous page | page 2/2