Yang Xusheng, Renmin University Beijing

Entzauberung und Verzauberung: Religiosität in der chinesischen Moderne
Einige Überlegungen unter Berücksichtung der Staatsreligionsbewegung der frühen Republikzeit

1.2. Der Konfuzianismus: eine statische Staatsideologie oder eine „Religion des Humanum“?

Dass diese paradoxen Thesen zur chinesischen Religion entstanden sind und beständig variiert wiederholt werden und dass es trotz der sowohl historisch als auch gegenwärtig einfach nicht zu übersehenden großen Verbreitung des Buddhismus, des Daoismus und verschiedener Volksreligionen dennoch möglich ist, von einem „areligiösen“ Volk zu reden, lässt sich wohl zwei Hauptursachen zuschreiben: Zum einen wird die kulturelle Identität Chinas bzw. des chinesischen Volkes (wenn wir zunächst bei solch einer essentialistischen, statischen Ausgangsposition bleiben) vorwiegend über seine konfuzianische Prägung definiert. Zum anderen lässt sich die Wesensbestimmung des Konfuzianismus – ob Ethik, Religion oder Soziallehre – mit modernen wissenschaftlichen Kriterien nicht leicht herauskristallisieren.

In der chinesischen Sprache gibt es in der Tat keinen einheitlichen Begriff für das, was von den Jesuiten als „Konfuzianismus“ in die europäischen Sprachen „übertragen“ wurde. Das Wort „Konfuzianismus“ steht als Äquivalent für folgende Begriffe in der chinesischen Sprache: rujia 儒家 – konfuzianische Schule, als Gegensatz zu den anderen philosophischen Schulen der Vor-Qin-Zeit (vor 211 v.Chr.); ruxue 儒學 – konfuzianische Lehre bzw. konfuzianisches Gedankengut; diese Bezeichnung wird am häufigsten gebraucht und gilt manchmal auch als Synonym für die chinesische (Gelehrten-)Tradition; rushu 儒術 – ein Begriff mit politischem Beigeschmack, der deshalb oft als Synonym für den politisierten und staatsideologisierten Konfuzianismus gebraucht wird; und rujiao 儒教 oder Kong jiao 孔教 bzw. Zhou Kong Meng zhi jiao 周孔孟之教 – die konfuzianische Religion bzw. „Lehre des Herzogs von Zhou, des Konfuzius und des Menzius“. Letzterer ist der Begriff, der der Jesuiten-Übertragung am nächsten steht. Diese Begriffsvielfalt vermittelt wohl eine erste Vorstellung davon, unter welchen Aspekten und mit Hilfe welcher wissenschaftlichen Disziplinen man den Konfuzianismus heutzutage studieren kann.

Auch wenn man die Begriffe rujia, ruxue und rushu außer Acht lässt, besitzt der Begriff rujiao bzw. Kong jiao an sich bereits eine erhebliche Ambiguität. Über das Religiöse im Konfuzianismus bzw. die konfuzianische Religion sind seit dem 17. Jh. schon vier Debatten entstanden: um die Zeit von Matteo Ricci, zur Zeit des Ritenstreits, zu Beginn der 1980er Jahre und schließlich die aktuelle Debatte seit Beginn des neuen Millenniums.4 Dabei wurden verschiedenste kontroverse Thesen mit oft widersprüchlichen Aussagen aufgestellt, doch zusammengefasst lassen sich zwei Interpretationsrichtungen erkennen: eine politisch-ethische und eine ethisch-religiöse. Daher genießt der Konfuzianismus seit dem Ende der Kaiserzeit eine problematische doppelte Reputation: Einerseits als statische Staatsideologie, die aus der politisierten, entfremdeten ethischen Lehre entstanden ist und zur Bewahrung der Legitimität der Politik dient und deshalb als eine „kannibalische Kultur“5 und als Hindernis für die Moderne in China verurteilt wird. Andererseits als „Religion des Humanum“.6 Wenn in der modernen Religionswissenschaft die Eigenschaften „monotheistisch“ und „institutionell“ nicht länger als Hauptkennzeichen von Religion betrachtet werden, dann entsteht auch für bisher unbeachtet gebliebene Kategorien wie „Religion des Humanum“ oder „philosophische Religion“ neuer Raum.

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