Yang Xusheng, Renmin University Beijing

Entzauberung und Verzauberung: Religiosität in der chinesischen Moderne
Einige Überlegungen unter Berücksichtung der Staatsreligionsbewegung der frühen Republikzeit

1. Parodoxe Fragestellungen zur chinesischen Religion

1.1. Die Chinesen: ein areligiöses Volk oder ein Volk mit multidimensionalen religiösen Prägungen?

Wenn man die chinesischen Geistesströmungen seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts einem genaueren Blick unterzieht, stößt man auf ein auffallendes Phänomen, nämlich eine Wiederbelebung des von der staatlichen atheistischen Ideologie (insbesondere während der Zeit der Kulturrevolution) für tot erklärten religiösen Lebens. Der Aufruf zu neuen Untersuchungen bzw. Begründungen einer speziellen „chinesischen“ Religiosität ist allmählich zu einem unübersehbaren geistigen Ereignis geworden, das nicht nur theologische Kreise betrifft. Verkürzt formuliert kann man sagen, dass nach dem sogenannten „Ästhetikfieber“ und dem „Kulturfieber“ der 1980er Jahre im China der 1990er Jahre ein „Religionsfieber“ begann.

Religionen besitzen ein großes Gewicht in der chinesischen Geistesgeschichte. Entsprechend groß ist heute in China das Forschungsinteresse sowohl an den Weltreligionen (an erster Stelle dem Christentum) als auch an den einheimischen Religionen. Außer den einheimischen Hauptströmungen – Konfuzianismus und Daoismus – und dem seit langer Zeit in die chinesische Kultur integrierten und einheimisch gewordenen Buddhismus hat auch der Islam eine lange historische Präsenz in China, die sich von den Wüsten im Nordwesten bis zu den Küsten im Südosten erstreckt. Das Christentum kam in Gestalt des Nestorianismus ebenfalls schon früh nach China, ebenso der Manichäismus. Der länger als ein Jahrhundert andauernde Ritenstreit zwischen dem chinesischen Kaiserhof und der römisch-katholischen Kirche, den Jesuiten und anderen christlichen Missionsorden ist ein bedeutender Fall in der Geschichte des Christentums in China. Auch die Rolle der christlichen Missionare bei der kulturellen, religiösen und wissenschaftlichen Begegnung zwischen Ost und West, der Auseinandersetzung, Integration und Verschmelzung und insbesondere ihre Rolle bei der Entstehung der chinesischen Moderne wird heute von Geisteswissenschaftlern unter einer Vielzahl von Aspekten erforscht.

Die meisten offiziellen Statistiken berücksichtigen nur die fünf staatlich anerkannten Religionen – Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus. Doch hat die Religiosität in China noch viele weitere Dimensionen. Nicht berücksichtigt wird meist der Konfuzianismus, dessen religiöse Seite nicht leicht fassbar ist. Darüber hinaus gibt es viele Kulte und Sekten, die einen religiösen oder quasireligiösen Charakter besitzen. Zu nennen sind hier beispielsweise der immer noch in manchen ethnischen Minderheiten lebendige Schamanismus, dessen Spuren sich in einem langen Streifen vom Tianshan-Gebirge bis in den Nordosten Chinas ziehen, der Mazu-Kult zu beiden Seiten der Taiwanstraße und die dem Südlichen Daoismus oder dem „Reines-Land-Buddhismus“ mehr oder weniger angelehnten Volksreligionen. Schließlich ist als neueres Phänomen der Personenkult um die Figur Maos nicht zu vergessen, der Jahrzehnte nach dessen Tod dazu geführt hat, dass von Bauern auf dem Land Mao-Tempel errichtet und Mao-Plaketten als „Schutzgottheit“ in Taxis und in anderen Fahrzeugen aufgehängt werden. Der seit über zehn Jahren andauernde Konflikt zwischen der chinesischen Regierung und den Anhängern von Falungong zeigt außer seiner politischen Bedeutung noch, welch geistiger Hunger während der gesellschaftlichen Transformation unter den einfachen Leuten Chinas, aber auch bei Teilen der Intelligenz herrscht.

Aufgrund der Besonderheiten der chinesischen Religiosität stellen sich aber immer wieder Definitions- und damit auch Verständnisprobleme ein. Denn obwohl, wie eben dargestellt, die Existenz des Phänomens Religion in der Geschichte und Gegenwart Chinas angesichts der offensichtlichen Fakten keinesfalls ignoriert werden kann, kam und kommt es in der modernen wissenschaftlichen Betrachtung der chinesischen Religiosität merkwürdigerweise immer wieder zu paradoxen Diskussionen.

An erster Stelle steht dabei der immer wieder geäußerte Zweifel und der Streit darum, ob es in China überhaupt eine „Religion“ gibt. Diese Frage hat seit der vorletzten Jahrhundertwende zu überaus heftigen Debatten geführt. Allein im Umfeld der chinesischen Gelehrten waren die Einstellungen sehr verschieden. Liang Qichao (梁啟超, 1873-1929), einer der führenden Denker seiner Zeit, stand der Frage, ob man in China eine „reine Religionsgeschichte“ schreiben kann, sehr skeptisch gegenüber. In seiner „Methodik der chinesischen Geschichtsforschung“ hielt er zwei Faktoren für die Definition von Religionsgeschichte für wesentlich: systematische Dogmen mit Darstellung von transzendenten Weltbildern und Geschichte einer institutionellen Kirche. „Deshalb erfordert diese Problematik noch viele Untersuchungen, um definitiv sagen zu können, ob China ein Land ist, in dem es eine [einheimische] Religion gibt.“1 Ein anderer Philosoph, der Neokonfuzianer Liang Shuming (梁漱溟, 1893-1988), vertrat eine ähnliche Meinung: aufgrund der „Frühreife“ des vor allem von Konfuzius geprägten Rationalismus seien die Chinesen „ein ,areligiöses Volk‘“.2 Eine neuere Stellungnahme zu diesem Thema bietet der zeitgenössische Philosoph Li Zehou (李澤厚, geb. 1930), der zu dem Schluss kam, dass das chinesische Denken generell als „weder philosophisch noch religiös, aber dennoch quasi-philosophisch sowie quasi-religiös“ zu charakterisieren sei.3 Solche Betrachtungsweisen und Schlussfolgerungen sind unter chinesischen wie auch westlichen Philosophen, Religionswissenschaftlern und christlichen Theologen keine Seltenheit.

Ob man die chinesische Religiosität als Religion anerkennt oder nicht, hängt entscheidend davon ab, welche Kriterien man der Definition von Religion zugrunde legt. Doch die oben genannten Aussagen basieren – bewusst oder unbewusst – auf dem Verständnishorizont der monotheistischen Traditionen, wobei sicherlich vor allem das Christentum als Vergleichsgegenstand diente (hier sind unbewusste Relikte des Ritenstreits immer wieder zu spüren). Das führte dazu, dass vielfach eine monotheistische, personale Gottheit, ein institutionelles Kirchensystem, organisierte geistliche Stände, systematische Dogmen, tägliche Liturgien oder regelmäßig vollzogene Kulte als unabdingbare Kennzeichen einer „Religion“ angesehen wurden. Die vielfältigen theoretischen Ressourcen der in den letzten hundert Jahren entwickelten Religionswissenschaft, die sich für die Betrachtung der chinesischen Religionen als viel sinnvoller erweisen, erhalten hingegen in der wissenschaftlichen Praxis viel zu wenig Aufmerksamkeit.

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