Almut-Barbara Renger, Freie Universität Berlin

Ch’an im Feld von Religion und Politik
Zur Revitalisierung einer Form des chinesischen Buddhismus in der heutigen VR China

Zu den vielfältigen Wandlungsprozessen, welche die VR China seit einigen Jahrzehnten durchläuft, gehört die neu erstarkte Bedeutung von Religion. Mit dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik der KPCh nach der Kulturrevolution setzte ein umfassender Wandel ein, in dessen Zuge Religionen, nicht zuletzt in Anerkenntnis der Tatsache, dass diese staatstragende Kraft haben können, in gesetzlich beschränktem Rahmen wieder zugelassen wurden. Es kam – in den 1980er Jahren zunächst zögerlich, in den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mit enormer Geschwindigkeit – zu einer Wiederbelebung traditioneller Religiosität in neuem politischem, soziologischem und intellektuellem Kontext. Klerikern, die einst ihrer Ämter enthoben worden waren, wurden diese wieder zugewiesen und neue Ausbildungsstätten geschaffen. Zweckentfremdete Klöster, Tempel und Kirchen wurden wieder zurückgegeben und renoviert, überregional bedeutsame Heiligtümer mit öffentlichen Geldern restauriert. Zu den gegenwärtig beständig an Popularität gewinnenden chinesischen Schulen des Buddhismus zählt das Ch’an mit seiner zentralen Praxis intensiver, fokussierter Meditation, aus dem sich in Korea die Seon-Schule und in Japan das Zen entwickelten. Eingebettet in einen devotionalen Tempelkult, in dem an Buddhas und Bodhisattvas gerichtete Gebete und Anrufungen, insbesondere Amitābhas, eine tragende Rolle spielen, ist das Ch’an heute Teil des Buddhismus als staatlich anerkannter Religion, die sich als Dienst an der Gesellschaft im Sinnes eines Beitrags zu Harmonie und Einheit sowie wirtschaftlicher Entwicklung des Staates versteht.

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